In Mordhain trug niemand Schuhe, die klangen.
Selbst die Armen wickelten Filz um die Sohlen, und wer keinen Filz hatte, ging barfuß durch Schlamm, Frost und Asche. Denn in Mordhain wusste jedes Kind das erste Gesetz, noch bevor es seinen eigenen Namen sicher schreiben konnte:
Lärm ruft. Stille schützt.
Mathis, der Totengräber von Sankt Vesper, hatte dieses Gesetz nie vergessen. Er hatte vieles vergessen — das Gesicht seiner Mutter, den Klang echter Glocken, den Geschmack von Brot ohne Asche zwischen den Zähnen — aber nicht das Gesetz.
Er kniete vor dem offenen Grab und drückte dem Toten einen Eisennagel in den Mund.
Nicht in die Hand. Nicht auf die Brust. Zwischen die Zähne.
Der Tote hieß Jorun. Oder hatte so geheißen. Mathis sprach den Namen nicht aus. Namen waren Fesseln, und wer einen Namen zu laut sagte, zog daran wie an einer Kette. Manchmal zog etwas zurück.
Neben dem Grab stand Schwester Walburga vom Siechenhaus. Ihre Haube war grau von der ewigen Asche, ihre Hände rot vom Waschen der Sterbenden.
Mathis hielt inne.
Walburga sah zur Domstadt hinüber. Der Turm von Sankt Vesper ragte schwarz in den Himmel, stumm seit der Schwarzen Vesper. Keine Glocke hing mehr heil darin, aber manchmal, wenn der Wind falsch stand, hörte man trotzdem ein Läuten. Nicht mit den Ohren. Tiefer.
Mathis legte die Hand auf den Mund des Toten und presste den Nagel tiefer zwischen die Zähne.
Mathis blickte sie an.
Keiner von beiden sprach das Wort Aschenpforte.
Über dem Friedhof zog ein feiner grauer Staub in langen Schlieren dahin. Er fiel nicht vom Himmel. Er kam aus allem. Aus Erde, Mauern, Kleidern, Haaren. Aus alten Sünden.
Mathis nahm den kleinen Beutel Salz von seinem Gürtel und streute einen Kreis um das Grab. Nicht viel. Salz war kostbarer als Silber. Aber ein Kreis musste geschlossen sein, sonst war er nur eine Bitte.
Dann hörten sie es.
Ein Kratzen.
Nicht aus dem Grab.
Von den anderen.
Walburga wurde bleich. Zwischen den Grabsteinen bewegte sich etwas, erst eins, dann drei, dann viele. Erde brach auf wie alte Kruste. Finger ohne Nägel tasteten aus dem Boden. Ein Kiefer klappte im Dunkeln, leer, suchend.
Irgendwo hatte jemand geschrien.
Vielleicht in der Stadt. Vielleicht nur in der Erinnerung.
Mathis griff nach seinem Spaten. Er war alt, aber der Rand war mit kaltem Eisen beschlagen.
Walburga nickte. Rennen machte Lärm. Beten machte manchmal auch Lärm. Sterben fast immer.
Die ersten Toten kamen zwischen den Steinen hervor. Keine frischen Leichen. Alte. Die aus der Schwarzen Vesper. Die, die nie ganz angekommen waren in der Stillen Asche.
Einer trug noch Reste einer Templerrüstung. Geschmolzenes Metall klebte an seinen Rippen. In seiner Brust brannte kaltes Feuer, blauweiß und lautlos.
Aschenwacht.
Walburga hob ihren Rosenkranz, aber Mathis schlug ihre Hand herunter.
Der untote Templer drehte den Kopf.
Vielleicht hatte er das Flüstern gehört. Vielleicht hatte er nur Schuld gerochen.
Dann trat hinter ihnen jemand aus dem Nebel.
Ein Karrenrad knarrte.
Viel zu laut.
Mathis erstarrte.
Wenzel der Krämer kam den Friedhofsweg hinauf, als wäre er auf dem Markt. Sein Karren war beladen mit Salzsäckchen, Eisennägeln, Kerzen ohne Flamme und kleinen Flaschen voll grauer Asche, die er als „echt“ verkaufte, selbst wenn sie es war.
Mathis zeigte mit dem Spaten auf das Rad.
Die Toten drehten sich nicht zu Wenzel um.
Keiner von ihnen.
Mathis hatte Wenzel nie gefragt, warum er sicher durch Mordhain reisen konnte. In Mordhain stellte man Fragen nur, wenn man bereit war, mit der Antwort begraben zu werden.
Wenzel griff in seinen Karren und warf Mathis einen kleinen Lederbeutel zu.
Mathis fing ihn. Der Beutel war schwerer, als er sein durfte.
Wenzel lächelte nicht.
Das war schlimmer als jede Münze.
Der Aschenwächter hob sein Schwert. Die Klinge war schwarz, aber in den Rissen glomm kaltes Feuer. Kein reinigendes Feuer. Das gab es hier nicht mehr. Feuer konservierte. Feuer hielt fest, was hätte vergehen müssen.
Mathis öffnete den Beutel und streute das Salz nicht in einen Kreis.
Er streute es auf seine eigene Zunge.
Walburga starrte ihn an.
Er hob die Hand.
Das Salz brannte wie Wahrheit.
Dann trat er vor den Aschenwächter und flüsterte zum ersten Mal seit Jahren einen Namen.
Nicht den des Templers.
Seinen eigenen.
Der Friedhof hielt den Atem an.
Der Aschenwächter blieb stehen.
Alle Toten blieben stehen.
Denn Namen waren Fesseln.
Und Mathis hatte sich selbst angebunden.
Der Templer senkte langsam das Schwert. Nicht aus Gnade. Aus Hunger. Die Toten wollten keine Körper. Nicht wirklich. Sie wollten Wege. Namen. Wärme. Schuld.
Mathis spürte, wie etwas Kaltes an seinem Namen zog. Tief unter der Erde. Hinter einer Tür, die nur einen Spalt offenstand.
Er sah graue Weite.
Die Stille Asche.
Und darin Gestalten ohne Gesichter, die vergessen hatten, dass sie je Menschen gewesen waren.
Walburga weinte lautlos.
Wenzel sah weg.
Mathis ging einen Schritt zurück, dann noch einen, bis er wieder am Grab stand. Der Tote darin lag still. Der Nagel hielt.
Walburga verstand. Sie nahm den Spaten, schob Erde in das Grab, langsam, ohne Klang. Wenzel streute Salz. Nicht zu viel. Nie zu viel. Der Kreis schloss sich.
Der Aschenwächter hob das Schwert wieder.
Doch diesmal war Mathis vorbereitet.
Er nahm den letzten Eisennagel aus seiner Tasche und legte ihn sich zwischen die eigenen Zähne.
Der Schmerz war hell.
Das Ziehen wurde schwächer.
Nicht weg. Nie weg.
Nur gebunden.
Als der Morgen kam — grau, ohne Licht, ohne Hoffnung — lagen die Toten wieder unter der Erde. Nicht friedlich. Nur still.
Schwester Walburga verband Mathis’ blutigen Mund.
Mathis sah zum Domturm.
Für einen Augenblick glaubte er, ganz oben etwas stehen zu sehen. Einen Mann mit einem Karren? Nein. Einen Baumeister vielleicht. Einen Fremden, der Risse maß.
Dann war dort nur Asche.
Mathis spuckte Blut in den Schlamm.
Wenzel zog seinen Karren an ihnen vorbei. Das Rad knarrte nicht mehr.
Und irgendwo tief hinter der Welt bewegte sich eine Tür einen fingerbreit weiter auf.